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Ich durfte nie Prinzessin sein.....

... oder Liebeskummer und Zahnlücken.

Im Frühjahr 1965 war ich 8 Jahre alt und meine Mutter hatte sich von der Schulärztin breitschlagen lassen, mich an der Nordsee aufpäppeln zu lassen. Beim Einschulungstest im Jahr zuvor hatte ich die zweitbeste Punktzahl erreicht und die Schulärztin untersuchte der Einfachheit halber nur die Kinder, die mehr als 100 Punkte erreicht hatten. Nach sorgfältigem Wiegen und Messen hielt sie meiner Mutter eine Riesenstandpauke. Ich war zu klein und zu leicht und mmit allergrößter Wahrscheinlichkeit ließ mich meine Mutter hungern. Nachdem meine Mutter sich bei der Schulärztin über dieses Kind, das niiieee aß, ausgeheult hatte, gabe es ein paar Ratschläge, die nicht funktionierten und die Empfehlung zur Kinderverschickung. Heute nennt man es Kinderkur und die Mütter dürfen meist mitfahren. Früher verfrachtete man selbst kleinere heimwehkranke Kinder allein in die "Fremde". Für mich ging es nach Norderney ins Kinderheim Schifflein Sausewind. (Ich habe mal vor einiger Zeit bei einem Herrn Bätje vom Norderneyer Stadtarchiv angefragt - Das private Heim gab es bis in die 70er Jahre)
Wir fuhren damals mit der Bahn und ich hatte im Gepäck meine Lieblingsschokolade, eine Packung dünner Vollmilchblätter von Lindt. Bei der Ankunft wurde dann den Kindern die mitgebrachten Vorräte abgenommen und im großen Essensraum auf einen Tisch gestellt für alle. Das ärgert mich übrigens noch heute. Denn trotz der damals landläufigen Ansicht über den Egoismus von Einzelkindern habe ich immer geteilt.
Im Schifflein Sausewind schliefen wir Mädchen in einem schlauchartigen Anbau mit Durchgangszimmern. 

Ich mit dem Mädchen auf dem Foto und zwei anderen ganz hinten im letzten Zimmer. Die Jungs schliefen irgendwo im Haupthaus. 

Von der Kur selbst weiß ich nur noch, dass wir viel draußen rumspielten und morgens alle miteinander am großen Tisch frühstückten. 
Und ich erinnere mich an IHN. An ihn - den ersten Jungen, in den ich mich rettungslos verknallt habe, dunkelhaarig mit hellen Augen. Und mit der ersten Liebe kam auch der erste Liebeskummer. Denn welcher Junge interessiert sich schon für ein Mädchen, das nur halb so alt ist, dafür aber mit einer riesengroße Zahnlücke gesegnet ist?
Und die schlimmste Schmach damals war das Theaterstück, das wir am Besuchstag aufführten für die anderen Kinder und einige Eltern. Er war selbstverständlich der Prinz. Niemand anderes hätte ihn spielen können. Aber ich war nicht die Prinzessin, ich war nur eine doofe Taube, mit einer Textzeile, lispelnd wegen der Zahnlücke.
Im Garten von Schifflein Sausewind

Einige Tage später wurde ich abgeholt und vergaß meine "große" Liebe wohl ziemlich schnell wieder. Nur wenn ich in mein Fotoalbum aus der Kinderzeit blättere, überlege ich manchmal wie ER wohl heute aussehen mag. Heute als Rentner, vielleicht ohne Haare oder mit Bauch?
 
 

Kommentare

  1. Du Arme, was diese Ärzte in den 60ern angerichtet haben! Mein Mann wurde mit 5 für 5 Wochen ins Krankenhaus gesteckt, weil er "viel zu dünn" war. Und dann haben sich seine Eltern gewundert, dass er ihnen den Rücken zudrehte, als sie ihn besuchen kamen. Sie konnten ja nur durch die Glasscheibe schauen, wie das bei den unmenschlichen Zuständen in den Kinderkrankenhäusern der 60er so üblich war.
    Dabei war gar nix. Unsere vier Kinder waren alle so dürr, bei gter Ernährung. Das ist einfach Veranlagung. Als ich meinen Mann kennenlernte (da war er 23), wog er auch bloß 52 Kilo. Und hat ständig gefuttert. Dicker wird man ab 40 sowieso von selber - weshalb also Kinder quälen, die danach womöglich noch adipös werden?
    Ich bin so froh, dass diese Zeiten vorbei sind!

    Und niedlich, deine Lovestory :-)

    Liebe Grüße
    Petra

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