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Hittfeld zwischen den Polen und ich mittendrin

In Hittfeld ist es seit Neuestem wie in der gesamten Republik:
Wir bewegen uns zwischen zwei diametral auseinander liegenden Polen  -  zwischen dem, was getan werden muss und dem, was einige politisch Verwirrte denken, dass getan werden sollte.


3-Personen-Demo mit Kindern


Der Ruf von Pegida und die Reden eines AfD-Höcke sind auch bis in unsere beschauliches Dorf gedrungen und haben die "schlafenden Hunde" geweckt in Form unseres örtlich etablierten Echt-Nazis Wolfram Schiedewitz. Anfang der 2000er durfte er als Landschaftsarchitekt noch den Schulhof unseres örtlichen Gymnasiums umgestalten, bis Nachrichten über seine Aktivitäten zusammen mit der deutschlandweit bekannten Ursula Haverbeck und dem Holocaust-Leugner aus dem nächsten Landkreis Rigolf Henning unseren Ort erreichten.
Jahrelang war es ruhig um ihn, doch jetzt wollte auch er in seinem Heimatort ein Zeichen setzen. Nur war es das falsche für die meisten der Seevetaler Bürger. Deswegen war auch das Interesse gleichgesinnter "besorgter Bürger" recht gering am ersten Samstag im Februar 2016.
Aus dem Bericht der Kreiszeitung

Herr Schiedewitz gehört selbst in der recht breit gefächerten rechten Fraktion zu denen am rechtesten Rand mit der Theorie der "Umvolkung". Diese Theorie basiert auf Äußerungen eines Anthropologen namens Earnest Hooton aus den USA, kurz nach dem WWK II. Der wollte nie wieder Krieg und "dem Deutschen" das Kriegerische mittels fremden Genmaterials herauszüchten. Eine ähnliche Ansicht vertrat 1992 in einem nie ins Deutsche übersetzten Buch der Militär- und Globalisierungsstratege Thomas Barnett. Damit die Welt anständig durchglobalisiert werden könne, würde man in Europa mehr Einwanderer benötigen. Dieser Universaleuropäer solle eine hellbraune Mischrasse mit dem IQ 90 sein, gerade schlau genug um zu arbeiten, aber nicht aufzumucken. Wie ernst Barnett seine Theorie gemeint hat, weiß wohl keiner so genau. Es lässt sich aber in den Verschwörerkreisen der heutigen Bundesrepublik recht gutes Geld damit verdienen. 
Der Eierstand ist übrigens der Kartoffelmann

Über die Umvolkung und "Deutschland den Deutschen" wollte Herr Schiedewitz nun erzählen und meldete eine Demo an, die als Randale am Eierstand in die Hittfelder Geschichte eingehen wird. Denn auch das Harburger Bündnis gegen Rechts bekam Wind von der Sache und die Grünen und die Linken und danach auch ein paar Rechte mit Schlagwerkzeugen. 
Ich persönlich habe von der Demo nur einen kurzen Blick und ein paar schnelle Schnappschüsse aus dem Auto heraus mitbekommen. Richtig gute Bilder haben die Fotografen der recherche-nord gallery und Wut auf der Straße gemacht. 
Mit erstaunlichen Einblicken, mit wem man so in den Hittfelder Läden an einer Kasse stehen kann. Und mit Identifizierung der reisenden Nazi-Größen.



Glücklicherweise hatte die Seevetaler Flüchtlingshilfe in Absprache mit dem Präventionsrat  nach einigem Hin und Her den Plan aufgegeben, sich mit "unseren" Flüchtlingen in der Gegendemo zu präsentieren. Eigentlich wollten sie vor dem Eingang des örtlichen EDEKA-Geschäftes Blumen an die Hittfelder Bürger verteilen. Allerdings ging es zu keinem Zeitpunkt der Kundgebungen um die jungen Männer, die in Hittelfeld betreut werden, sondern nur ziemlich diffus um die, "die da nicht kommen sollen" und im Gegenzug um "Alle Nazis raus aus Hittfeld".
Was übrig blieb





Refugees welcome, denn "Mona hat keine Angst"


Dafür ging es genau eine Woche später um genau diese jungen Männer, denen unser Dorf eine Zuflucht und vielleicht sogar irgendwann ein neue Heimat bieten kann.
Spielzeug für Klein und Groß

Blinky und Seepferdchen 

Die Hittfelder Initiative für die Flüchtlinge hat einen Flohmarkt im Gemeindehaus organisiert. Einige Flüchtlinge hatten gekocht, es gab Kaffee und Kuchen und die Hittfelder hatten viele Dinge gespendet, die zu Gunsten der Seevetaler Flüchtlingshilfe verkauft wurden.
Das beste Geschäft machte wie schon zum Weihnachtsmarkt Ibrahim aus der Elfenbeinküste, der hier in Deutschland seine Heimat auf Leinwand bannt. 
Und alle Helfer freuten sich, auch wenn sie ihre Stücke umsonst anpriesen. 
Der Flohmarkt, das Internationale Café, die Flüchtlings-Fußballmannschaft trainieren. In Hittfeld packt man an. Weil es nötig ist. Die Flüchtlinge benötigen Deutschkenntnisse und Tätigkeiten, um nicht in ihrer Unterkunft zu versauern. Sie benötigen Hilfe bei Ämtern. Und von Zeit zu Zeit benötigen sie auch einfach einen Zuhörer.

Ibrahims Giraffe, jetzt bei uns zu Hause
Die Hilfe für die Flüchtlinge bewirkt bei den Helfern im Gegenzug eine Zufriedenheit, etwas erreicht zu haben. Viele Mitmenschen mögen das als überflüssig ansehen, weil ja "der Staat" sich drum kümmern müsse. Aber "der Staat" sind ja auch wir, die wir darin leben. Wir tragen nicht nur die Verantwortung für unser Leben in diesem Staat, sondern auch für unsere Mitmenschen. Und wenn zu diesen Obdachlosen, armen Rentnern und Hartz-IV-Empfänger auch noch die Flüchtlinge kommen, so sind wir auch für die verantwortlich, die sich selbst nicht helfen können.

Drogeriemarkt-Spende 5 Paletten mit Kosmetikartikeln haben wir sortiert


Aus dieser Verantwortlichkeit enstehen auch Riesenprojekte wie die Kleiderkammern Messehallen, die seit dem September 2015 mehr als 2 Millionen Artikel wie Bekleidung oder Zahnpasta und Zahnbürste an Bedürftige abgegeben hat. Mein kleiner Beitrag hierzu sind zwei Stunden Sortierhilfe in der Woche. Andere Helfer geben ihre gesamte Freizeit, einige von ihnen haben sogar ein paar junge Männer aufgenommen, die auch jeden Tage in der Kleiderkammer mit helfen
Und auch 58.000 Winterjacken aus Australien wurden quer über Deutschland in Freiwilligenarbeit verteilt.

Friedrich baut. Der Rentner verbringt seine Tage mit Reparaturen und Projekten wie der fahrenden Palette.

Aus der Verantwortung entstehen aber auch so kleine Projekte wie "Mona hat keine Angst", die ihre ganz eigene Sicht auf die Ängste der deutschen Bürger auf ihrer Facebook-Seite postet.




Das irreale Leben im Internet


"Warum tust Du Dir das an", fragt der Mann mit genervtem Blick, wenn er mich mal wieder wütend in die Tasten hauen hört.
"Weil es mir wichtig ist", sage ich. 
"Man sollte das Internet verbieten", sagt der Sohn
"Aber dann gewinnen die Idioten", sage ich

Die Kommentarspalten der öffentlichen Medien in den sozialen Netzwerken sind voll von Kommentatoren, die keine Flüchtlinge im Land haben wollen. Das war schon so, bevor die große "Flut" von Flüchtlingen anfing jeden die Medien zu beherrschen. Schon bevor Pegida zum ersten Mal marschierte gab es Menschen, die keine Flüchtlinge wollten. Natürlich wollte sie Menschen helfen, die vor dem Krieg flohen, aber doch nicht die Wirtschaftsflüchtlinge. Ein "gutes Leben" allein sei doch kein Grund aus seinem Land weg zu gehen. Die Leute sollen doch ihr Land voran bringen. Was schwierig sein kann, wenn einem somalischen Fischer der Fang entgeht, weil europäische Fischtrawler alle Beute wegfangen für billige Fischstäbchen beim Aldi. Oder für Hühnchenzüchter in Ghana, während das Land billige deutsche Fleischreste importiert.
Kommentar bei Siegfried Däbritz, Pegida-Mann, hat genau 30 Sekunden dort gestanden

Nach der Gründung der AfD und den ersten Pegida-Märschen wurde der Ton rauher. und wer nicht mit den Wölfen heult, wird entweder geblockt, gesperrt, gemeldet oder man kassiert Beleidigungen, von denen das Unwort des Jahres 2015 - Gutmensch - noch eines der harmloseren ist. 
Am Anfang haben mich die Leute noch erschreckt, manchmal habe ich mich zu den entsprechenden Entgegnungen hinreißen lassen, im Laufe der Zeit aber habe ich die Lächerlichkeit erkannt, die den Umgang zwischen den Menschen in den sozialen Netzwerken prägt. Jemanden beleidigen, dem man nicht in die Augen sehen muss, ist einfach, die Anonymität reißt die Leute zu Äußerungen hin, für die sie sich im realen Leben wohl schämen würden. 
2016er-Neu-Frauenrechtler in einem Thread über Silvester in Köln

Je stärker aber Pegida und die AfD im realen Leben werden, desto größer formiert sich der Widerstand gegen Leute wie Bachmann, Festerling oder den falschen Anonymous, einen Like-Händler aus Erfurt, dessen Namen man nicht nennen darf, weil er sonst mit dem Anwalt droht. Ja, es gibt tatsächlich Geschäftsleute, die mit toootaaal echten Facebook-Likes handeln, damit Firmen sich ihr Renommee aufpolieren können. So sind die 1,7 Mio. Likes vom Rönschonymous  (upps ^^) denn wohl auch zum größten Teil im eigenen Laden erworben. Seine neue Fan-Gemeinde baut er sich gerade in russischen vk.com auf, dass die sogenannten Hasskommentare nicht kontrolliert. 

Als Hintermänner fungieren zum einen Jürgen Elsässer und seine Zeitschrift Compact, zum anderen Götz Kubitschek, der Organisator der Neuen Rechten/ Identitären und Redenschreiber für Pegida und Björn Höcke von der Thüringer AfD.
Götz Kubitschek hat übrigens genau wie Wolfram Schiedewitz in den 90ern ein Rittergut im Osten gekauft. Schnellroda in Sachsen und Guthmannshausen in Thüringen liegen nur eine knappe Autostunde auseinander und strategisch günstig für viele Demos so etwa im geografischen Mittelpunkt der Bundesrepublik. Hier schließt sich der Kreis zwischen dem kleinen Hittfeld an der Grenze zu Hamburg und der großen Politik der rechten Kreise.

(Disclaimer... Der Blogpost könnte eigentlich noch 5 Meter länger sein. Zum Abschluss komme ich hier nicht)







Kommentare

  1. Ich bin da inzwischen ziemlich desillusioniert: Mir kommt es auch wie ein Kampf gegen Windmühlen vor. Man erreicht überhaupt nichts, außer dass man den Hass dieser Leute auf sich zieht. :(
    Deshalb hege ich auch wenig Hoffnung auf die Counter-Speech-Strategie von FB.

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